Presse aus 2005

Pressearchiv 2005

Die Perspektiven wechseln - Täter-Opfer-Ausgleich bei „Horizont e. V.“

Nachrichten PARITÄT Nr. 5/2005

von Marianne Lange

Nur wenige Fahrzeuge rumpeln über das Kopfsteinpflaster. Die meisten Autofahrer wählen die neue Straße. Der Parkplatz: ein Gelände mit Berg und Tal. Vieles in Nauen ist im Umbau, doch manches in dieser brandenburgischen Kleinstadt im Westen Berlins scheint aufgegeben. Das Haus im alten Ortskern, in dem der Verein „Horizont e. V. Nauen“ seinen Sitz hat, wurde renoviert und mit einem Preis gekürt. Die Sprossenfenster sind neu. Viel Licht kommt nicht hinein – gut, dass Birgit Rausch in ihrem kleinen Büro eine Extralampe hat, einen Tageslichtstrahler. Denn das Motto ihrer Arbeit heißt: „Die Perspektive wechseln“. Als Konfliktvermittlerin im Täter-Opfer-Ausgleich braucht sie für sich und ihre Klienten Licht, Luft, Platz, Energie zum Nachdenken, Raum zum Zuhören, zur Konfrontation und eventuell zur Versöhnung. Dreieinhalb Jahre hat Birgit Rausch im Bereich Konfliktmanagement und Mediation gearbeitet, baute mit einem Kollegen in Potsdam die Konfliktwerkstatt auf, studierte an der FH und wurde Sozialarbeiterin/ Sozialpädagogin. Seit August 2003 arbeitet sie in Nauen in der außergerichtlichen Konfliktvermittlung in Strafsachen. Die Teilnahme ist für alle Beteiligten freiwillig, kann sich aber auf das Strafverfahren auswirken. In gemeinsamen Gesprächen in Birgit Rauschs Büro oder im großen Tagungsraum werden die Hintergründe und Folgen der Tat erhellt. Dadurch öffnet Birgit Rausch auch im übertragenen Sinne Räume für die Auseinandersetzung zwischen Menschen, die Opfer einer Straftat wurden, und beschuldigten Tätern. „Beteiligte, Beschuldigte und Geschädigte gefällt mir sprachlich besser, ist auch treffender“, sagt die Mediatorin.

Birgit Rausch wuchs in der DDR auf und ist oberschenkelamputiert, seit sie 13 ist. Keine gute Zeit: schlechte Behandlungsangebote und kaum Beratung. Sie kennt die Opferperspektive. Eine Gehschule, um wieder laufen zu lernen, gab es für die Heranwachsende nicht. Dann kam die Wende. Sie schätzt sich glücklich, dass sie im wiedervereinigten Deutschland noch vier Jahre bis zum Abitur hatte und so Bildungserfahrungen in beiden Systemen machen konnte. Sie habe viel Positives aus der Summe der Erlebnisse gezogen. Beides sei ihr heute für ihre Arbeit von Nutzen, meint Birgit Rausch.

„Perspektivwechsel ist grundsätzlich eine Methode, mit der ich an erster Stelle arbeite. Denn ich finde es wichtig, dass sich der Täter ansatzweise in die geschädigte Person einfühlen kann. Sowohl fachlich wie auch persönlich bin ich darauf dadurch vorbereitet, dass ich aufgrund meiner gesundheitlichen Situation im Grunde traumatisiert in eine Opfersituation gekommen bin, so dass ich mich bedingt durch meinen biografischen Hintergrund schon sehr mit Vermittlung und Perspektivwechsel auseinandersetzen musste.“

Birgit Rausch hat Kraft. Sie reitet, besucht die jährliche Hengstparade in Neustadt an der Dosse. Fotos an den Wänden ihres Büros zeigen Pferdegespanne im Wettbewerb. Sie ist engagiert und zeigt das auch in ihrer Arbeit. „Ich kann Wegbegleiter sein, dass Beschuldigte lernen.“ Sie arbeitet viel mit Jugendlichen und Heranwachsenden, deren Eltern in der Wende einen starken biografischen Bruch erlebt haben. „Diese Auswirkungen spielen hintergründig eine Rolle, zum Beispiel durch die Erfahrung von Arbeitslosigkeit, verlorengegangene Perspektiven, bestimmte Einstellungen.“

Der Verein Horizont e. V. Nauen besteht seit 1991. Im Juni 1992 begannen vier MitarbeiterInnen auf ABM-Basis mit dem ersten Projekt „Ambulante Beratung von Jugendlichen und Heranwachsenden im Strafverfahren“. Seither hat sich der Verein zu einem auf vielen Gebieten engagierten Träger der freien Jugend- und Straffälligenhilfe entwickelt. Er ist überwiegend in den brandenburgischen Landkreisen Havelland und Oberhavel tätig. 1994 begann der Täter-Opfer-Ausgleich im Landgerichtsbezirk Neuruppin, wurde dann auch auf den Landgerichtsbezirk Potsdam ausgeweitet.

Als Opfer sind Kinder, Jugendliche, Heranwachsende und Erwachsene angesprochen, als Täter Jugendliche und Heranwachsende. Insbesondere geht es dem Verein mit dem Projekt „Täter-Opfer-Ausgleich“ – so die Selbstdarstellung – um die „Wiederherstellung des durch die Tat gestörten Rechtsfriedens, Wiedergutmachung in Form von persönlicher und schriftlicher Entschuldigung, Schmerzensgeld oder Schadenersatz sowie um freiwillige Arbeitsleistungen zugunsten der Opfer.“

In Brandenburg hatten im vergangenen Jahr die Vermittlungsstellen bei den Freien Trägern wie dem Verein Horizont e. V. Nauen und bei den Sozialen Diensten der Justiz im Täter-Opfer-Ausgleich 3.221 Fälle bis in den Bereich der mittelschweren Kriminalität hinein zu bearbeiten. Mit dieser Zahl stehe Brandenburg, so der Landespräventionsrat, gemessen an der Bevölkerungszahl im Bundesvergleich an der Spitze.

Birgit Rausch ist mit ihren KollegInnen im Land gut vernetzt. Die Staatsanwaltschaften in Potsdam und Neuruppin sowie u. a. die Jugendgerichtshilfen weisen ihr Fälle zu. Dazu kommen Jugendliche als Selbstmelder in die Vermittlungsstelle. In manchen Regionen des Flächenstaats gibt es zwischen Freien Trägern und Sozialen Diensten der Justiz gemeinsame Fortbildungen und Supervision. „Das Auto ist deshalb so was wie mein zweiter Wohnsitz“, sagt Birgit Rausch.

2003 betrafen 45 Prozent der von Horizont e. V. Nauen behandelten Fälle Körperverletzung, 31 Prozent Sachbeschädigung, 15 Prozent Beleidigung, zwölf Prozent Hausfriedensbruch, Diebstahl 8 Prozent und Raub vier Prozent. In 131 vermittelten Ausgleichsverfahren waren 104 Beschuldigte männlich und 27 weiblich. „Grundsätzlich arbeite ich mit jugendlichen und heranwachsenden Straftätern, das heißt diejenigen, die eine Straftat begehen, sind im alter von 14 bis 21 Jahren. Opfer sind häufig andere Jugendliche, und meistens kennen sich die Beteiligten. Bei Sachbeschädigung, wie zum Beispiel durch Graffiti an Hauswänden, ist das Altersgefälle in der Regel sehr viel größer. Da sind die Opfer Erwachsene“, sagt Birgit Rausch.

Auch Gewalt unter den Jugendlichen spielt eine Rolle: „Zunehmend sind es auch junge Frauen, die so die Form in der Auseinandersetzung verlieren, dass es zu Tätlichkeiten kommt.“ Sehr viel habe Horizont mit Sachbeschädigungen zutun. Von Graffiti seien oft die Stadtverwaltungen oder Vereine geschädigt, Institutionen, die ein großes Interesse daran hätten, dass die Sache geklärt wird. „Im TOA ist es möglich, die zivilrechtlichen Ansprüche, die durch die Straftat entstanden sind, im Rahmen der außergerichtlichen Vermittlungen zeitnaher, direkter und unkomplizierter regeln. Gerade bei Sanierungen spielt das eine Rolle, wo Fördergelder durch Sachbeschädigung in Schall und Rauch aufgehen“, berichtet die Vermittlerin. Im Verlauf der Gespräche sind die Täter gefordert, Ideen zu entwickeln, um den entstandenen Schaden auszugleichen: „Das können dann zum Beispiel geldwerte Leistungen sein durch Arbeitseinsatz. Aber viel nachhaltiger wirkt, wenn sie selbst beteiligt sind an der Reparatur der Schäden im Rahmen der weiteren Sanierung. Alle sitzen an einem Tisch und sehen dadurch einfach, was das alles mit dranhängt in ihrem Ort. Doch die Beteiligten wissen genau, dass ich nicht den Konflikt für sie löse!“

Ketziner Kinder- und Jugendheim feiert 30. Geburtstag

Märkische Allgemeine, Der Havelländer, 16.09.05

von Susanne Grimm

KETZIN Bereits beim Einbiegen in die Ketziner Baustraße konnte man die Luftballons vor dem Kinder- und Jugendheim sehen. Kein Wunder, denn "wir feiern unser 30-jähriges Bestehen", sagte Margret Alisch.

Seit 1970 ist sie Leiterin der Einrichtung. Die Pädagogin blickte zunächst auf vergangene Zeiten zurück. 1993 und 1994 sei das Gebäude für 1,5 Millionen Mark saniert worden. 2004 standen ebenfalls Renovierungsarbeiten und der Kauf neuer Möbel an. Seit zwei Jahren ist der Verein Horizont Träger des Hauses. "Das Heim ist mit der Stadt an der Havel verbunden und die Kinder sind in den Ort integriert", erklärte Horizont-Geschäftsführer Torsten Ullrich und wies auf die Bilderausstellung der Bewohner unter dem Motto "Ich in Ketzin" hin.

Gefreut habe er sich schon auf dieses Fest, meinte Robert Broyer, der mit seiner Schwester und 15 weiteren Kindern und Jugendlichen im Alter zwischen elf und 20 Jahren in der Einrichtung lebt. Vier sind bereits volljährig und im Rahmen des betreuten Einzelwohnens im gegenüberliegenden Haus untergebracht. "In unserer Arbeit ist uns stets der Kontakt zu den Eltern der Kinder wichtig", erklärte Margret Alisch einen wichtigen Grundsatz. Weiterhin werde eine Mutter-Kind-Betreuung angeboten. "Alle Kinder sind anhänglich und haben ein großes Schutzbedürfnis, das war früher so und ist auch heute unverändert", ergänzte die Leiterin. Daher werde versucht, die Bewohner in familienähnlichen Strukturen bis zur Selbstständigkeit zu begleiten. Eine Aufgabe, bei der die Sprösslinge ans Herz wachsen und "die Trennung jedes Mal schwer fällt." Auch nach dem Auszug bleibe der Kontakt oft erhalten. So sei das Haus in der Baustraße für einige der ehemaligen Bewohner die erste Anlaufstelle, um den bestandenen Führerschein zu zeigen oder die Betreuer zu einem Besuch in die eigenen vier Wände einzuladen.

Dank eines finanziellen Zuschusses der Mittelbrandenburgischen Sparkasse in Potsdam konnte Anfang 2005 ein neuer Bus mit neun Sitzen gekauft werden. "Es ist uns wichtig, Einrichtungen wie das Kinderheim zu unterstützen", erklärte der Abteilungsdirektor der MBS Jürgen Tschirch. Auch Gutscheine und Spielsachen gab es zum Jubiläum. "Es ist schon toll hier", rief der zwölfjährige Steven, der sich besonders über die neuen Fuß- und Basketbälle freute.

Den vernünftigen Weg gehen „Aktion Mensch“ hilft Havelland

Märkische Allgemeine „Der Havelländer“ vom 03.09.2005

von Doreen Dost

„In den kommenden drei Jahren wollen wir nicht nur den Weg der Vernunft gehen, sondern das Projekt zu einem „Netz“-Werk ausbauen. Einem Netz, mit dem wir Fische fangen können, die wir nicht essen. Wir wollen mit diesen Fischen auf einer Welle schwimmen.“ Mit dieser Metapher formulierte die Gesundheitskoordinatorin für Schulen im Landkreis Havelland, Doreen Busch, eines der Ziele der Initiative „Weg der Vernunft“.

Dieses Projekt wurde 1999 ins Leben gerufen und gilt seither als Ansprechpartner für Schulen und Jugendklubs für den Bereich der Drogen- und Gewaltprävention. Zur Zielgruppe zählen Kinder, Jugendliche, Eltern und Pädagogen. Doch erst jetzt konnte der interne Wunsch nach Stetigkeit erfüllt werden. Denn seit dem 1. September unterstützt die Aktion Mensch den „Weg der Vernunft“ mit einem Personalkostenzuschuss bis 2008 von 75 000 Euro für den Bereich der Koordination. Zum Start des Projekts lud der Geschäftsführer des Trägervereins Horizont e. V., Torsten Ullrich, Gäste und Initiatoren nach Nauen ein. Dazu gehören Wolfgang Neumann (Redakteur des „Preußenspiegel“), Jürgen Dziuba (polizeiliche Beratungsstelle Nauen), Gert Weinreich (Agentur für Arbeit), Reinhard Glatzel (Jugendamtsleiter der Kreisverwaltung Havelland) und Angelika Krüger-Leißner (SPD).

Den neu geschaffenen Arbeitsplatz der Koordinatorin übernimmt Annette Gombert. Aus ihrer ABM-Zeit ist sie mit den Aufgaben noch vertraut. Da sie das Organisieren liebe, mache es ihr Spaß, die Angebote für Veranstaltungen wie die Havelländischen Präventionstage oder den Jugendaktionstag im Havelland aufeinender abzustimmen. Aber auch das „Klinken putzen“, wie Busch die Suche nach Partnern für die Finanzierung bezeichnete, ist Teil ihres Berufes. Den Einfluss des Projektes schätzt Gombert realistische ein: „Mir ist klar, dass wir nie alle Jugendlichen vor Gewalt bewahren und Drogen schützen können. Aber einen großen Teil von ihnen überzeugen wir, mit uns den vernünftigen Weg zu gehen.“ Insgesamt nahmen 3000 „Fische“ an vier weiterführenden Schulen an den Aktionstagen teil. Demnächst finden Präventionsprojekte auch an einen festen Platz an Grundschulen. Das soll den frühen Griff zur Zigarette verhindern, der heute für viele Grundschüler normal erscheint.

Fester Haltepunkt in ihrem Leben Jugendwohngrupe Velten

Märkische Allgmeine Oberhavel vom 12.02.2005

Ein wenig aufgeregt waren sie schon, die Pädagogen der Veltener Jugendwohngruppe „Lebenswelt“. Schließlich bekommen auch sie nicht alle Tage Besuch von einem Minister. Holger Rupprecht hatte gestern seinen Besuch in der Rosa-Luxemburg-Straße 86 angekündigt. Dabei braucht sich die Einrichtung, dessen Träger der Nauener Jugend- und Straffälligenhilfe Horizont e. V. ist, nicht zu verstecken. Seit 1996 war und ist das haus an den Bahnschienen ein fester Haltepunkt im Leben von etwa 150 Kindern und Jugendlichen zwischen zehn und achtzehn Jahren. Hier wohnen bis zu zwölf Heranwachsende, die aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mehr in ihren Familien leben können. „Wir wollen für all jene da sein, die Hilfe bei der Bewältigung ihres alltäglichen Lebens benötigen“, erklärt Teamleiter Sven Schneider das Konzept des Hauses. Dazu gehört auch die Möglichkeit, bis zu zwei straffällig gewordene Jugendliche im Rahmen der Untersuchungshaftvermeidung aufzunehmen. Integriert in ein stabiles Umfeld, sollen so weitere kriminelle Handlungen verhindert werden. Momentan sind es sechs Jugendliche, die, vermittelt durch das Jugendamt oder das Gericht, in der Wohngemeinschaft leben. In den hellen und gemütlich eingerichteten Einzelzimmern, in dem großen Wohnzimmer samt lebendigem Stubentiger oder in der Gemeinschaftsküche fällt es nicht schwer, sich wohlzufühlen. Dennoch: „Wir können kein Familienersatz sein, aber wir versuchen, ein freundschaftliches Vertrauensverhältnis aufzubauen“, sagt der Leiter. Fünf Betreuer, von denen immer einer als persönlicher Ansprechpartner ein offenes Ohr für die individuellen Sorgen hat, kümmern sich um die jungen Bewohner.

Es ist keine leichte Aufgabe, der sich die Mitarbeiter jeden Tag aufs Neue zu stellen haben. Denn die Pädagogen stehen den Jugendlichen nicht nur in den kleinen Dingen des Alltags wie Einkauf, Essenszubereitung, schulische Hausaufgaben oder bei der Freizeitgestaltung zur Seite, sondern ebenso bei Behördengängen und psychotherapeutischen Maßnahmen. „Es ist uns wichtig, dass wir gemeinsam mit den Eltern oder wichtigen Bezugspersonen Lösungen für eine Reintegration in das heimische Umfeld finden“, erzählt Sozialpädagoge Sven Schneider.

Natürlich ist es der größte Erfolg für die Betreuer, können die anvertrauten Zöglinge wieder in ein geordnetes Leben „entlassen“ werden. Doch oft reichen die entstandenen engen Beziehungen über die Zeit des Aufenthaltes hinaus. „Viele besuchen uns gern wieder oder wir werden gebeten, sie auch nach ihrem Auszug in der eigenen Wohnung weiter zu betreuen“, freut sich Sven Schneider. sk

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